Rede der Generalkonsulin der Bundesrepublik Deutschland, Frau Brita Wagener, zum Volkstrauertag am 14. November 2010

Sehr geehrte Damen und Herren,

wie an jedem zweiten Sonntag vor dem Advent denken wir heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren. Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten. Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Soldaten und andere Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren. Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

An diesem Ort in Tarabya befindet sich die letzte Ruhestätte deutscher Soldaten, die in den zwei Weltkriegen ihr Leben gelassen haben. Feldmarschall von der Goltz, eine wichtige Figur der deutsch-türkischen Geschichte, der als befehlshabender General der VI. Osmanischen Armee in Bagdad bis 1916 und als vorheriger langjähriger Militärberater der osmanischen Armee tätig war, wurde ebenfalls hier in türkischer Erde bestattet.

Es ist noch gar nicht lange, dass wir zu diesem deutschen Tag der Erinnerung an die Kriegstoten und Opfer von Gewalt und Kriegsherrschaft auch Repräsentanten der zahlreichen Staaten einladen, die das Deutsche Reich in zwei Kriegen mit unvorstellbarer Gewalt und all dem unermesslichen dem Elend, das damit verbunden ist,  überzogen hat.

Ich begrüße sehr herzlich die Generalkonsuln Frankreichs, Großbritanniens, Österreichs und der USA sowie den Vertreter des Generalkonsulats der Tschechischen Republik.

Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind.

Ihre Anwesenheit bei diesem Gedenken zeigt, wie über die Jahre hinweg politische und menschliche Bemühungen es schließlich vermochten, Gräben zuzuschütten und Brücken zu bauen. Wir  Deutsche sind hierfür zutiefst dankbar.

Es freut mich, an diesem Tag auch die deutsche Gemeinde vor Ort und die Vertreter des Militärkontingents bei der NATO in Istanbul zu begrüßen. Ihnen, sehr geehrter Herr Pfarrer Rolke, meinen herzlichen Dank für die eben gefeierte Andacht.

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

Wenn wir gemeinsam besonders auch der Toten aus den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts gedenken, dann wollen wir an den Schmerz und das Grauen erinnern, durch das die vielen gegangen sind. Sinnlos bleibt das Sterben der Millionen Kriegstoten  auf allen Seiten. In sich selbst trägt es keinen Sinn. Es ist gut, dass wir von dem Heldengedeken früherer Zeiten abgekommen sind, das versuchte, dem sinnlosen Tod einen Sinn zu verleihen; es ist gut, dass uns das Gedenken zu einem entschiedenen und ungeteilten Eintreten für einen Frieden ohne Gewalt, für einen Frieden durch Gerechtigkeit verpflichtet. 70 Jahre nach Beginn des von Deutschland vom Zaune gebrochenen Weltkrieges, aber auch angesichts der vielen Konflikte in aller Welt heute, halte ich es für geboten, dass wir alle, aber besonders wir Deutsche, uns unsere Verantwortung für eine friedliche Zukunft bewusst machen.

Viele Deutsche, wahrscheinlich auch eine Reihe derer, die auf diesem Friedhof begraben liegen, haben Schuld für die Barbarei der beiden Weltkriege auf sich geladen. Viele jedoch - und wer könnte dies nicht aus eigener Erfahrung in Übertragung auf Verhältnisse in unserer Gegenwart bestätigen - waren wahrscheinlich verstrickt in die Umstände ihrer Zeit, nicht in der Lage, sich zu entziehen, und sehr oft wahrscheinlich auch ausgenutzt in ihrer Opferbereitschaft und dem Pflichtgefühl gegenüber ihrer Nation, über die in Schule, Kirche und Gesellschaft gelehrt wurde, sie sei das höchste Gut und stehe über der persönlichen Freiheit des Einzelnen und über dem Respekt vor dem Leben anderer. All diese Menschen haben für ihre Familie und ihr Umfeld schmerzhaft empfundene Lücken hinterlassen, verblassende Bilder, Fotos und Erinnerungen sowie unbeantwortete Fragen der Nachfolgenden.

Unsere Aufgabe heute ist es, sicherzustellen, dass sich ein derartiger Irrsinn nicht wiederholen kann. Es gibt keine Alternative zum Bemühen, Konflikte friedlich und mit Blick auf die Bedürfnisse aller Beteiligten zu lösen, und offene Gesellschaften zu schaffen, deren Mitglieder resistent gegen Manipulationen durch Despoten und Demagogen sind. Der Soldatenfriedhof auf unserem Gelände in Tarabya ist vor diesem Hintergrund nicht nur Ort des individuellen Gedenkens an die Kriegstoten, er ist auch ein Erinnerungs-, Lern- und Mahnort.

Gedenkfeier zum Volkstrauertag

Volkstrauertag